{"id":6032,"date":"2021-03-21T12:44:04","date_gmt":"2021-03-21T12:44:04","guid":{"rendered":"http:\/\/bure3iqeqde7ynpluyuubochndt33wwsbkmo7kgf32bmli4zigjwvzid.onion\/?p=6032"},"modified":"2021-04-26T21:26:49","modified_gmt":"2021-04-26T21:26:49","slug":"so-etwas-wie-demokratische-atomkraft-gibt-es-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bureburebure.info\/de\/so-etwas-wie-demokratische-atomkraft-gibt-es-nicht\/","title":{"rendered":"So etwas wie &#8222;demokratische Atomkraft&#8220; gibt es nicht"},"content":{"rendered":"<p><em>Heute wird zunehmend ein irref\u00fchrender Diskurs gef\u00fchrt: Die Atomkraft, eine vermeintlich &#8222;dekarbonisierte&#8220; (kohlenstoffarme) Energie, k\u00f6nne das Klima retten. Diese irref\u00fchrende Behauptung f\u00e4llt in sich zusammen, sobald man diesen Industriezweig in seiner Gesamtheit etwas genauer betrachtet. Diese aktuelle Debatte sollte jedoch nicht \u00fcber die anderen fundamentalen Gr\u00fcnde hinwegt\u00e4uschen, die gegen diese Technologie sprechen. Weil die Atomenergienutzung eng mit der Produktion der zerst\u00f6rerischsten Waffen verbunden ist, die je erdacht wurden, weil sie Teil einer milit\u00e4rischen und kolonialen Ordnung ist und weil sie nicht die geringste Transparenz und Offenheit zulassen kann, steht sie an sich im Widerspruch zu einer demokratischen Gesellschaft.<\/em><br \/>\n<em>(Artikel ver\u00f6ffentlicht in einem Dossier \u00fcber Atomkraft in der Februar 2021 Ausgabe von \u0084Nature et Progres\u0093)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Hier ist ein Satz, der nichts von seiner Aussagekraft verloren hat, seit er zum ersten Mal 1958 in einem WHO-Bericht geschrieben wurde. Darin hei\u00dft es: &#8222;Mit Blick auf die psychische Gesundheit sei die zufriedenstellendste L\u00f6sung f\u00fcr die Zukunft der friedlichen Nutzung der Atomenergie, eine neuen Generation heranwachsen zu sehen, die gelernt hat, mit dieser Ahnungslosigkeitund Ungewissheit zu leben.<br \/>\nSechzig Jahre sp\u00e4ter scheint dieses seltsame Programm teilweise wahr geworden zu sein. Obwohl die Atomenergie die wichtigste Stromquelle in Frankreich ist (78 % des Energiemixes), denken nur wenige Menschen, dass sie in der Lage sind, ihre Funktionsweise und Strukturen verstehen und beurteilen zu k\u00f6nnen. Nur wenige Menschen sind besorgt \u00fcber die gesundheitlichen Folgen der Atom-Anlagen, die es im Land gibt. Unf\u00e4lle im Zusammenhang mit der Atomenergienutzung verursachen kein gro\u00dfes Aufsehen in der \u00f6ffentlichen Meinung, wenn sie bekannt werden. Das liegt daran, dass die aufeinanderfolgenden Regierungen und ihre Industriepartner darauf bedacht waren, die Angelegenheit f\u00fcr die &#8222;breite \u00d6ffentlichkeit&#8220; unverst\u00e4ndlich zu machen und sie von der \u00d6fentlichkeit fernzuhalten.<br \/>\nDie Geschichte der Durchsetzung der zivilen Atomenergie in Frankreich ist also die eines doppelten Sieges \u00fcber die Demokratie: erstens den Menschen vorgegaukelt zu haben, dass eine Technologie so komplex sei, dass sie von Normalsterblichen sowieso nicht verstanden werden k\u00f6nne, und zweitens behauptet zu haben, dass deshalb die Zustimmung der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr ihre Nutzung vorausgesetzt werden kann.<\/p>\n<h3>Der Mythos der (scheinbar) unm\u00f6glichen Debatte<\/h3>\n<p>Doch was ist so besonders an einem Atomkraftwerk? Ist diese Technologie wirklich f\u00fcr Normalb\u00fcrger*innen so schwer zu begreifen, dass sie nicht \u00fcber die Gefahren und Auswirkungen nachdenken und diskutieren k\u00f6nnen?<br \/>\nIn einem AKW wird eine Kettenreaktion erzeugt und gesteuert, bei der durch die Spaltung verschiedener Atomkerne erhebliche Energie freigesetzt wird. Diese Energie wird genutzt, um Wasser zu erhitzen, das sich in Dampf verwandelt, der dann eine Turbine zur Stromerzeugung antreibt.<br \/>\nMit anderen Worten: Ein Atomkraftwerk ist eine gigantische Dampfmaschine. Das Problem ist, dass diese Kettenreaktion auch hochgef\u00e4hrliche radioaktive Spaltprodukte produziert und dass sie unter Kontrolle gehalten werden muss, um einen unkontrollierbare Explosion &#8211; einen Supergau ( siehe Tschernobyl und Fukushima) zu vermeiden. Und letztdendlich entstehen bei dieser Reaktion haufenweise hochgradig radioaktiv-strahlende Endabf\u00e4lle, deren Entsorgung k\u00fcnftige Generationen \u00fcber Jahrtausende hinweg belasten wird.<\/p>\n<p>Auf diese Weise gestellt, erscheint die Frage nach einem F\u00fcr oder Wider der Atomenergienutzung nicht so schwierig. Die Tragweite eines Atomstrom &#8211; Programms beschr\u00e4nkt sich nicht auf die Option einer Energietechnologie. Vielmehr ist sie eine Entscheidung der B\u00fcrgerInnen und B\u00fcrger, weil das Leben aller davon betroffen ist. Jeder und jede sollte in diese Entscheidung miteinbezogen werden. So konnte die Frage an die Bev\u00f6lkerung gestellt werden, als General de Gaulle nach dem Zweiten Weltkrieg die Atomenergiekommission (CEA) gr\u00fcndete oder w\u00e4hrend des Mesmer-Plans zum Bau von AKWs 1974. Das war zum Beispiel in \u00d6sterreich der Fall, wo eine Volksabstimmung 1978 die atomaren Ambitionen des Landes beendete, obwohl gerade das erste AKW gebaut worden war.<\/p>\n<h3>Eine Gesellschaft der Kontrolle und Intransparenz<\/h3>\n<p>In Frankreich wurde die Entscheidung f\u00fcr die Atomenergie auf autorit\u00e4re Weise getroffen und hat damit eine Industrie geschaffen, die mit dieserer Intransparenz durchaus zufrieden ist. Aufgrund der enormen Risiken m\u00fcssen AKWs st\u00e4ndig \u00fcberwacht werden. Es ist wichtig, stabile Umgebungsbedingungen um diese Anlagen herum zu schaffen, absolut gesch\u00fctzt vor \u00e4u\u00dferen Gefahren. Abgesehen von ein paar &#8222;Tagen der offenen T\u00fcr&#8220; sind die 18 Standorte, an denen sich die 56 franz\u00f6sischen Reaktoren befinden, also allesamt No-Go-Zonen, die unter milit\u00e4rischer Aufsicht stehen. Wer sich diesen Anlagen n\u00e4hert, unterliegt einer quasi automatischen Kontrolle durch die diensthabenden Gendarmen. Gleichzeitig ist es schwierig, wenn nicht sogar unm\u00f6glich, der technische Zustand der kerntechnischen Anlagen in Erfahrung zu bringen. Solche Informationen werden vom Betreiber nicht kommuniziert, sondern m\u00fchsam von Einzelpersonen oder Anti-Atomkraft-Initiativen ans Licht gebracht, auf Kosten endloser administrativer Rechtsmittel. Und selbst wenn sie gezwungen sind, interne Dokumente offenzulegen, z\u00f6gern die EDF-F\u00fchrungskr\u00e4fte nicht, sie zu redigieren, indem sie ganze Seiten manuell schw\u00e4rzen, bevor sie sie unleserlich an die B\u00fcrger*innen schicken, die sie angefordert hatten.<\/p>\n<p>Auch jeder noch so kleine Widerspruch wird zum Schweigen gebracht. Und wenn die Millionen Euro, die mit Subventionen und Arbeitsplatzversprechen auf die Atomregionen niederprasseln, nicht ausreichen, um den Protest zu beruhigen, wird er gewaltsam niedergeschlagen. Als &#8222;Staatsr\u00e4son&#8220; stehen der Atomindustrie alle Instrumente zur Verf\u00fcgung, um sich zu sch\u00fctzen. In den letzten Jahren wurden Anti-Atomkraft-Aktivist*innen registriert, durchsucht, strafrechtlich verfolgt und verurteilt, weil sie ihren Widerstand demonstrierten, insbesondere in Bure in der Maas-Region, wo geplant ist, die hoch- radioaktiven Abf\u00e4lle 500 Meter tief zu vergraben.<\/p>\n<p>Einige k\u00f6nnten jedoch einwenden, dass der Staat jetzt R\u00e4ume f\u00fcr Diskussionen zur Verf\u00fcgung stellt, um die Bev\u00f6lkerung einzubeziehen: die lokalen Informationskomitees (CLI) oder die verschiedenen \u00f6ffentlichen Debatten. Diese beiden Werkzeuge haben jedoch die gleichen Nachteile. Beide werden als R\u00e4ume f\u00fcr Diskussion und Beratung dargestellt und suggerieren, dass Demokratie ausge\u00fcbt wird, w\u00e4hrend die Sorgen oder \u00c4ngste der B\u00fcrger durch die Worte wissenschaftlicher Experten der Betreiber beiseite gefegt werden. Das Gleiche gilt f\u00fcr alle gesetzlichen Bestimmungen, an die sich die Industrie zu halten hat. Es gibt unz\u00e4hlige Ausnahmeregelungen, fehlerhafte Ausschreibungen, gesch\u00f6nte B\u00fcrgerbefragungen und Verst\u00f6\u00dfe gegen das Umweltrecht. Jedes Mal pr\u00e4sentiert sich die Atomindustrie in Frankreich \u00fcber dem Gesetz, wie ein Staat im Staat.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"https:\/\/bureburebure.info\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/dg2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5796 img-fluid \" src=\"https:\/\/bureburebure.info\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/dg2.jpg\" alt=\"\" width=\"1586\" height=\"1600\" srcset=\"https:\/\/bureburebure.info\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/dg2.jpg 1586w, https:\/\/bureburebure.info\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/dg2-1400x1412.jpg 1400w, https:\/\/bureburebure.info\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/dg2-768x775.jpg 768w, https:\/\/bureburebure.info\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/dg2-1523x1536.jpg 1523w\" sizes=\"auto, (max-width: 1586px) 100vw, 1586px\" \/><\/a><em>De Gaulle beim Besuch des CEA (Kommissariat f\u00fcr Atomenergie) im Jahr 1967<\/em><\/p>\n<h3 lang=\"de-DE\">Eine Gesellschaft der Kontrolle und Undurchsichtigkeit<\/h3>\n<p>Wenn die so genannte &#8222;zivile&#8220; Atomkraftnutzung in die Kultur der Geheimhaltung eintaucht wie ein Fisch ins Wasser, dann deshalb, weil sie aus der milit\u00e4rischen Nutzung hervorgegangen ist und nie aufgeh\u00f6rt hat, auf diese zur\u00fcckzugreifen. Lange Zeit als zwei v\u00f6llig unterschiedliche Dinge dargestellt, sind sie in Wirklichkeit zwei Seiten desselben Anspruchs.<br \/>\nMacron erkannte dies Ende 2020 mit beispielloser Offenheit an: &#8222;Ohne zivile Atomkraft gibt es keine milit\u00e4rische Atomkraft; ohne milit\u00e4rische Atomkraft gibt es keine zivile Atomkraft. Um zu \u00fcberleben, ist die milit\u00e4rische Atomkraft auf den gesamten zivilen Sektor angewiesen. Vom Uranabbau bis zur Reaktortechnik, vom Transport radioaktiver Stoffe bis zur Abfallentsorgung, von der universit\u00e4ren Ausbildung bis zur wissenschaftlichen Forschung &#8211; diese F\u00e4higkeiten werden f\u00fcr U-Boote, atomgetriebene Flugzeugtr\u00e4ger und Sprengk\u00f6pfe ebenso gebraucht wie f\u00fcr die Beleuchtung von Badezimmern. Das Milit\u00e4r muss all diese Grundlagen der Atomtechnologie nicht selbst organisieren und beaufsichtigen. Und es kann sein Atomwaffenarsenal zu geringeren Kosten aufrechterhalten. Dadurch behauptet Frankreich aufgrund seiner milit\u00e4rischen Atommacht immer noch seinen Platz unter den Entscheidungsnationen, in Europa und in der Welt.<\/p>\n<p>Aber wenn die milit\u00e4rische Atomkraft die zivile Atomkraft braucht, dann gilt das auch umgekehrt. Das Beispiel der Nachbarl\u00e4nder Frankreichs ist in dieser Hinsicht recht aufschlussreich. In den letzten zehn Jahren haben sich Deutschland, Belgien und die Schweiz f\u00fcr den Ausstieg aus dem Atom als Mittel der Energiegewinnung entschieden.* Dies war unter anderem deshalb m\u00f6glich, weil diese L\u00e4nder keine Atomwaffen besitzen. Die Regierungen hatten also freie Hand bei der Entscheidung, ob sie einen Sektor weiterf\u00fchren, der als gef\u00e4hrlich, finanziell aufw\u00e4ndig und nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df kritisiert wurde. Gleichzeitig beharrte Frankreich, dessen diplomatische Macht auf seiner atomaren St\u00e4rke und dem Export seines &#8222;Know-hows&#8220; im Bereich der zivilen Atomenergienutzung beruht, auf der Herstellung und dem Verkauf einer neuen Generation von Reaktoren, den EPRs, deren einziges Wunder bisher darin bestand, dass sie es geschafft haben, mehr als 19 Milliarden Euro an \u00f6ffentlichen Geldern auszugeben (in Flamanville das Sechsfache der urspr\u00fcnglichen Kosten), ohne ein einziges Megawatt produziert zu haben.<\/p>\n<h3>Eine koloniale Angelegenheit<\/h3>\n<p>Die zivile Atomkraft h\u00e4tte &#8211; so wird den Menschen suggeriert- den Vorteil, die Energieunabh\u00e4ngigkeit Frankreichs zu garantieren. Dabei wird unter anderem vergessen, dass die Grundlage daf\u00fcr die Existenz von Uran ist, das zum gr\u00f6\u00dften Teil in Niger abgebaut wird. Seit den 1960er Jahren haben postkoloniale Abkommen Frankreich erlaubt, sehr vorteilhafte Sch\u00fcrfrechte in diesem Land zu erhalten, das zu den \u00e4rmsten der Welt geh\u00f6rt. Seine Armee hat dort ein Regime der Vasallit\u00e4t aufrechterhalten, indem sie Aufst\u00e4nde, Putschisten oder Kandidaten f\u00fcr Wahlen unterst\u00fctzt hat. Weit weg von Paris und seinen Technokraten, die saubere, kohlenstoffarme Energie preisen, regiert Orano (ehemals Areva) in der nigerianischen W\u00fcste \u00fcber eine Stadt, die aus dem Nichts um seine beiden Uran-Minen herum entstanden ist. F\u00fcr Frankreich das unverzichtbare Erz. F\u00fcr die Menschen in Niger: schlechte Arbeitsbedingungen, radioaktive Verseuchung und Krebs. Wo immer sie eingesetzt wird, schreitet die Atomkraft mit Arroganz und Verachtung f\u00fcr die Menschen voran. Sie versteckt ihre milit\u00e4rischen Ambitionen hinter Energiekonzernen und kolonisiert Territorien, in Frankreich und im Ausland. Sie legt nur Wert auf das Wort von Experten und verhindert jede kollektive Beteiligung an der Entscheidungsfindung. Die ihr innewohnenden Gefahren erfordern eine Politik der Geheimhaltung, die eine sichere und zentralisierte Ordnung unterst\u00fctzt. Von ihrem Wesen her ist die Atomkraft also das Gegenteil von demokratischen Idealen, Frieden und Gleichheit zwischen den V\u00f6lkern.<br \/>\nWenn B\u00fcrgerInnen und B\u00fcrger es als ihre Entscheidung begreifen, die Auswirkungen auf ihr Leben und das kommender Generationen hat: Es ist es immer noch m\u00f6glich, sich gegen Atomkraft zu engagieren!<\/p>\n<p><strong>Tick, Trick und Track<\/strong><br \/>\n<strong>Im Kampf gegen das Atomm\u00fcllgrab in Bure<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute wird zunehmend ein irref\u00fchrender Diskurs gef\u00fchrt: Die Atomkraft, eine vermeintlich &#8222;dekarbonisierte&#8220; (kohlenstoffarme) Energie, k\u00f6nne das Klima retten. Diese irref\u00fchrende Behauptung f\u00e4llt in sich zusammen, sobald man diesen Industriezweig in seiner Gesamtheit etwas genauer betrachtet. Diese aktuelle Debatte sollte jedoch nicht \u00fcber die anderen fundamentalen Gr\u00fcnde hinwegt\u00e4uschen, die gegen diese Technologie sprechen. 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